Der Lackmustest des Antidopingkampfs

eingestellt am 23.04.2008

Die Stuttgarter Zeitung berichtete am 23.04.2008 über den Lackmustest des Antidopingkamps.

Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz haben sich als Kronzeugen zur Verfügung gestellt – wenn sie keinen Job finden, ist das Modell gescheitert

Der Sport versucht, das Dopingproblem in den Griff zu bekommen. Ein Schlüssel dafür könnte die Kronzeugenregelung für Athleten sein, die von der Stuttgarter Anwaltskanzlei Wüterich Breucker erfunden wurde. Doch die Umsetzung der Regelungen bringt Schwierigkeiten mit sich. 

Jörg Jaksche hat gestern trainiert. So wie am Tag zuvor, so wie in den vergangenen Monaten. Der 31-Jährige hält sich fit für den Tag X, den 30. Juni dieses Jahres, wenn aus dem Radprofi a. D. wieder ein Rennfahrer werden soll. An diesem Tag läuft seine Sperre ab, die wegen seiner Aussagen als Kronzeuge verkürzt worden war. Jörg Jaksche wartet: Auf einen Anruf, auf einen Teamchef, der ihm einen Vertrag gibt. Bisher ohne Erfolg. „Es gibt nichts Konkretes. Es ist wohl so, dass der Überbringer der schlechten Nachricht für die schlechte Nachricht verantwortlich gemacht wird“, sagte er gestern: „Für manche bin ich eben der Nestbeschmutzer und die wollen ein Exempel statuieren, nach dem Motto: Schaut, der hat ausgesagt und geht nun mit Pauken und Trompeten unter – also lieber schweigen. Eine Kronzeugenregelung ohne Wiedereinstellung ist letztlich sinnlos.“

Wer gegen das organisierte Verbrechen aussagt, will nicht zurück in dieses Milieu. Wer aber gegen das organisierte Doping aussagt, hofft auf Strafmilderung – und will zurück. Zurück in den Sumpf, der im Idealfall ein bisschen trockener ist, in dem sich aber noch immer viele tummeln, die Aussagen von Kronzeugen nicht goutieren. Das ist das Problem. Und die Herausforderung zugleich. 

Der Pilotversuch begann 2007 in Stuttgart. Jörg Jaksche hat lange mit sich gerungen, ehe er sich auf den Weg in die Charlottenstraße gemacht hat. Dort stand er dann vor der Hausnummer 22 mit seinem Anwalt Michael Lehner und klingelte. Er fuhr mit dem Aufzug in den ersten Stock. Es sollte eine Fahrt werden, die sein Leben endgültig veränderte. Zuvor hat er im „Spiegel“ detailliert wie kein Sportler zuvor über das Dopingsystem im Radsport ausgepackt. Er hatte damit den Grundstein gelegt für eine teilweise Reinigung des Sports. Nun war er hier bei der Rechtsanwaltskanzlei Wüterich Breucker, um den nächsten Schritt zu machen, den vielleicht schwierigsten seiner Karriere.[…]

Viele Experten halten die Kronzeugenregelung für einen, vielleicht für den wichtigsten Weg, um einen möglichst sauberen Sport zu erreichen. Kronzeugen können dazu beitragen, Hintermänner zu entlarven. „In diesen Wochen entscheidet sich, ob diese Regelung Erfolg haben kann oder nicht“, sagt Matthias Breucker. 

Auch der Weltverband UCI stellte sich lange quer und versuchte, die Sperre gegen Jaksche in die Länge zu ziehen. Mittlerweile hat zumindest die UCI diese Haltung aufgegeben. Ein Team allerdings hat Jaksche noch immer nicht gefunden. „Es wäre ein verheerendes Zeichen, wenn er keine Mannschaft findet“, sagt Marius Breucker und nennt es den „Lackmustest des Sports“.

Die Geschichte des Kronzeugenwesens im Sport hat in Stuttgart begonnen, im Kopf von Matthias Breucker und Christoph Wüterich. Sie beschäftigten sich mit der Frage, wie man des Dopingproblems Herr werden könne. Dann schrieben sie ihre Gedanken auf. Im Juli 2002 lösten fünf Seiten in der Zeitschrift „Sport und Recht“, kurz „SpuRt“, Aufregungen in der deutschen Sportwelt aus. „Plädoyer für eine Kronzeugenregelung zur Dopingbekämpfung“ stand über dem Aufsatz, der einen Paradigmenwechsel forderte. Als Erste skizzierten die Anwälte ein Szenario für die Einführung einer Kronzeugenregelung im Sport […]

„Natürlich ist das nicht schön, aber man muss akzeptieren, dass es im Sport kriminelle Strukturen gibt, die dem organisierten Verbrechen ähnlich sind, weshalb man auch entsprechende Mittel anwenden muss“, sagt Matthias Breucker.

Jörg Jaksches Anwalt Michael Lehner hat jüngst kundgetan, dass er nach den bisherigen Erfahrungen eigentlich keinen Athleten empfehlen könne, Kronzeuge zu werden. 

Quelle: Stuttgarter Zeitung


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