Führung und Lesung zu Recht und Literatur im Stuttgarter Justizviertel

eingestellt am 06.03.2017

Einen Richter in der Rolle des Lyrikers, einen Anwalt als Schiller-Rezitator, Texte von dichtenden Juristen und judizierenden Dichtern – der Literaturführer Bernd Möbs bot den Teilnehmern seiner Führung durch das Stuttgarter Justizviertel eine Mischung aus Führung und Lesung zu Poesie und Recht.

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"Juristen, Poeten, Übeltäter und ein Schwabenschädel" - Literaturführung durch das Stuttgarter Justizviertel

Fred Uhlmann war als Anwalt unweit des Stuttgarter Landgerichts tätig, musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft später vor der Nazi-Herrschaft fliehen und verarbeitete seine Erlebnisse unter anderem in dem autobiographisch geprägten Roman „Der wiedergefundene Freund“. Eindrücklich schildert Uhlmann darin eine Schulfreundschaft am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart, die Trennung der Freunde während der nationalsozialistischen Diktatur und die späterer Wiederbegegnung mit überraschenden Erkenntnissen. 

Farbig berichtet Uhlmann auch vom Beginn seiner Anwaltstätigkeit und vom nicht immer einfachen Umgang mit der damaligen Landbevölkerung des Stuttgarter Umlandes. Mit Uhlmann und einer Erläuterung der Wandskulpturen am Landgericht beginnt Bernd Möbs seine Führung durch das Justizviertel unter dem Motto „Juristen, Poeten und ein Schwabenschädel“. Im weiteren, rund zweistündigen Verlauf macht er die Teilnehmer unter anderem mit Friedrich Wilhelm Hackländer, einem Bestseller-Autor des 19. Jahrhunderts, mit der Jugendschriftstellerin Tony Schumacher und – auf dem Eugensplatz mit Blick auf die Innenstadt –, mit einer Stuttgart-Hymne des Dichterpfarrers Karl Gerok bekannt. Dem Dichterjuristen Ludwig Uhland huldigt Möbs in der Uhlandstraße sogar singend. Die Justiz und vor allem das Strafrecht kommen zur Sprache, wenn Möbs am Tatort auf der Esslinger Steige vom Mord am Esslinger Bürger Amandus Marchthaler an einem  Herbstmorgen des Jahres 1491 berichtet. Der zu Unrecht beschuldigte und nach einem Foltergeständnis hingerichtete Postreiter Michel Banhard soll später – so die Sage vom Post-Michel – jeweils in der Sankt Michaelis-Nacht erschienen sein. Eine Geschichte, die vor zwei Jahren sogar als Theaterstück von Felix Huby in Esslingen aufgeführt wurde.

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Oberlandesgericht im Stuttgarter Justizviertel

Kundig und kompetent, anschaulich und amüsant führt und rezitiert Möbs über die Straßen, Plätze und Stäffele des Justizviertels. Zum Abschluss lesen dichtende Juristen live: Peter M. Röhm, im Hauptberuf Richter am Oberlandesgericht, gibt Proben seiner Lyrik, darunter Gedichte aus dem gemeinsam mit dem Maler Jürgen Leippert gestalteten literarischen Stuttgart-Kalender und aus seinem Band „uferlos“. Marius Breucker, von Profession Rechtsanwalt, zitiert aus „Schiller für Juristen“ und macht die Teilnehmer mit den Erfahrungen des jungen Friedrich Schiller mit dem Recht als Schüler der Carlsschule vertraut. Auf unprätentiöse Weise wurde so für die Teilnehmer die viel beschriebene besondere Beziehung zwischen Sprache und Recht, zwischen Literaten und Juristen in authentischer Umgebung erlebbar. 


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