Integration durch Sport – Siebtes Stuttgarter Sportgespräch

eingestellt am 21.01.2011

Beim 7. Stuttgarter Sportgespräch diskutierten am 24. Januar 2011 Rainer Brechtken (Präsident des Deutschen Turnerbundes), Gül Keskinler (Integrationsbeauftragte des DFB), Erdal Keser (Chef des Europabüros des Türkischen Fußballs) sowie der Justizminister und Integrationsbeauftragte des Landes Baden-Württemberg Ulrich Goll zum Thema „Integration oder Trennung – Welche Sprache spricht der Sport?“. Zu dem von der Kanzlei Wüterich Breucker in Stuttgart veranstalteten Forum für Sport, Sportrecht und Sportpolitik publizierte die Stuttgarter Zeitung in ihrer Ausgabe vom 21.01.2011 auf Seite 39 einen Beitrag und ein Interview mit dem baden-württembergischen Integrationsbeauftragten:

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„Die Nationalelf ist doch kein Gesangsverein“


Stuttgart, 21. Januar 2011 – Integration ist das große Thema dieser Zeit. Am Montag diskutiert in Stuttgart eine Runde zu den Möglichkeiten des Sports. Die Debatte führen Rainer Brechtken, Präsident des Deutschen Turnerbundes, Frau Gül Keskinler, Integrationsbeauftragte des DFB, Erdal Keser, Chef des Europabüros des Türkischen Fußballs und der baden-württembergische Integrationsbeauftragte Ulrich Goll. […]

Stuttgarter Zeitung: Welche Bedeutung haben Spieler wie Mesut Özil, Cacau oder Sami Khedira für die Integration in Deutschland?

Ulrich Goll: Sie haben eine gewaltige Vorbildwirkung. Sami Khedira ist für mich ein Musterbeispiel gelungener Integration. Ein bescheidener junger Mann mit einer tollen fleißigen Familie im Hintergrund. Mit harter Arbeit hat der Junge es vom TV Oeffingen zu Real Madrid geschafft – so eine Vita hat eine unglaubliche Vorbildfunktion. Ein anderes Beispiel ist Cacau. Der wohnt in Korb, ihn kennt dort jeder, und jeder weiß, dass er aufs Landratsamt Waiblingen gegangen ist und seine Einbürgerungsunterlagen geholt hat. Das bringt in puncto Interesse an Einbürgerung dreimal mehr als jede Werbebroschüre. Solche Beispiele strahlen in die Gesellschaft hinein.

Stuttgarter Zeitung: Bei allem Respekt vor den Fußballern: Wären nicht Vorbilder aus dem normalen Berufsleben von großer Bedeutung, weil sie näher an der Realität sind?

Ulrich Goll: Bei unseren Aktionen versuchen wir immer, auch andere erfolgreiche Personen mit Migrationshintergrund ins Rampenlicht zurück. Aber da muss man ehrlich sein: die Kinder orientieren sich nicht an Wirtschaftskapitänen. Kein Siebenjähriger ist fasziniert von einem, der es in wenigen Jahren in den Vorstand der Telekom schafft. Die Kinder wollen in dem Alter zu Real Madrid und nicht zur Telekom. Sie suchen sich ihre Vorbilder im Sport oder dem Showgeschäft, alles andere ist viel zu abstrakt. Natürlich werden es die meisten nicht in die Nationalmannschaft schaffen, aber diese Idee überträgt sich. Sie lernen aus Karrieren wie der eines Sami Khedira, dass mit harter Arbeit viel möglich ist – und das ist extrem wichtig.

Stuttgarter Zeitung: Jeder kann es schaffen?

Ulrich Goll: Genau. Das sind simple, alte Prinzipien, die dort mit Leben gefüllt werden.

Stuttgarter Zeitung: Welche Bedeutung hat denn dann die Fußball-Nationalmannschaft insgesamt?

Ulrich Goll: Sie ist als das Aushängeschild und als Botschafter von großer gesellschaftlicher Relevanz. Auf dieses im wahrsten Sinne des Wortes Spielfeld schaut das ganze Land. Wenn es dort also selbstverständlich ist, dass Menschen mit Migrationshintergrund als Leistungsträger mit anderen gemeinsam auflaufen, ist das ein starkes Bild. […]

Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 21.01.2011, Seite 39

Link: www.stuttgarter-zeitung.de

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