Stuttgarter Sportgespräch: Stärkere Rolle der WADA gefordert

eingestellt am 30.01.2017

Eine stärkere Rolle der Welt Anti-Doping Agentur (WADA) im internationalen Sport forderten die Experten beim 13. Stuttgarter Sportgespräch am 30.01.2017. Nicht allein die Sportfachverbände oder das IOC sollten über die Teilnahme von Verbänden an internationalen Sportwettbewerben entscheiden: Die WADA als unabhängige Anti-Doping-Organisation solle prüfen und bewerten, ob der jeweilige Verband die Voraussetzungen des Welt Anti-Doping Codes erfülle. Nur wenn dies bejaht werde, dürfe der jeweilige Verband am Wettbewerb teilnehmen.

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Thomas Weikert, Hajo Seppelt, Dr. Lars Mortsiefer und Robert Bartko (v.li.) beim Stuttgarter Sportgespräch 2017


Hajo Seppelt, Dopingexperte der ARD, verdeutlichte die Möglichkeiten anhand der derzeitigen Praxis der Akkreditierung von Dopinglaboren: Hierfür sei die WADA zuständig, was regelmäßig zur Entziehung oder Suspendierung von Akkreditierungen führe. Ähnliche Befugnisse müsste die WADA auch erhalten, wenn es um die Teilnahme an internationalen Sportwettbewerben gehe. Wenn die Befugnis nicht insgesamt auf die WADA übergehe, sei alternativ denkbar, ein Negativattest der WADA zur Voraussetzung für die Teilnahme an einem internationalen Sportwettbewerb zu machen, schlug Gerhard Böhm vom Bundesministerium des Innern vor.

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Dagmar Freitag (Vorsitzende des Bundestag-Sportausschusses) und Gerhard Böhm (Bundesinnenministerium)


Dr. Lars Mortsiefer, Vorstandsmitglied der NADA, verwies auf die bestehende Praxis in Deutschland und forderte eine konsequente Umsetzung auch auf internationaler Ebene. Robert Bartko, Doppelolympiasieger im Bahnradfahren und Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, rief den organisierten Sport auf, selbst aktiv zu werden. Wenn der Sport verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen wolle, müsse er sich von innen heraus erneuern und nicht nur auf Druck von außen reagieren.

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Robert Bartko: Der Sport selbst muss im Anti-Doping-Kampf aktiver werden.

Der Präsident des Internationalen Tischtennisverbandes, Thomas Weikert, begrüßte die Vorschläge im Grundsatz; er wies zugleich darauf hin, dass solch grundlegende Entscheidungen regelmäßig von der Vollversammlung der Mitgliedsverbände getroffen werden müssten. Die Problematik des Dopings sei nicht in allen nationalen Verbänden in gleicher Weise präsent. Es sei daher nicht einfach, für solche Strukturreformen Mehrheiten zu finden, sagte Weikert in der von Jens Zimmermann moderierten Diskussion.

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Thomas Weikert: Stärkere Rolle der WADA ist denkbar


Im Impulsreferat beleuchtete Dr. Matthias Breucker die Entscheidungen um die Teilnahme und den teilweisen Ausschluss russischer Athleten als Folge des McLaren-Berichtes im Vorfeld der Olympischen und Paralympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Während das IOC die Entscheidung über die Teilnahme russischer Athleten den Sportfachverbänden überlassen hatte, schloss das Paralympische Komitee den russischen Verband und damit alle russischen Athleten vollständig von den Spielen aus. Die Überantwortung der Entscheidung an die Fachverbände wenige Tage vor Beginn der Spiele stellte diese vor große, für manche Verbände kaum zu bewältigende Herausforderungen. Thomas Weikert schilderte anschaulich, wie er als Präsident des ITTF binnen weniger Tage auf diese Anforderung reagierte und eine möglichst sachlich fundierte Entscheidung über die Teilnahme russischer Tischtennisspieler herbeiführte.

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Differenzierung zwischen Verbänden und Athleten - Dr. Matthias Breucker im Impulsreferat


Auch das Vorgehen des Paralympischen Komitees war juristisch nicht unproblematisch, gab Dr. Matthias Breucker zu bedenken. Denn ein Ausschluss auch solcher Sportler, denen individuell kein Verschulden nachgewiesen werden konnte, sei unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten fragwürdig. Als milderes Mittel komme stattdessen etwa ein Start unter neutraler Flagge in Betracht. Auf diesen Aspekt hatte auch Dr. Marius Breucker in seiner Begrüßung hingewiesen und den schon im römischen Recht verankerten Schuldgrundsatz „nulla poena sine culpa“ (keine Strafe ohne Schuld) zitiert.


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Dr. Marius Breucker: Schuldprinzip als rechtsstaatlicher Grundsatz im Anti-Doping-Kampf

Über 300 geladene Gäste waren der Einladung der Kanzleien Wüterich Breucker und Thumm zum 13. Stuttgarter Sportgespräch gefolgt. Unter den Teilnehmern war die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Dagmar Freitag, der für Sport zuständige Abteilungsleiter im Bundesministerium des Innern, Gerhard Böhm, der Präsident des Deutschen Skiverbandes und des Oberlandesgerichts Stuttgart, Dr. Franz Steinle, und der ehemalige Bundesverfassungsrichter Professor Dr. Udo Steiner. Der Bürgermeister für Sicherheit, Ordnung und Sport, Dr. Martin Schairer, entrichtete für die Landeshauptstadt Stuttgart das Grußwort.

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Sportbürgermeister Dr. Martin Schairer beim Stuttgarter Sportgespräch

In Interviews schilderten die Olympiateilnehmerin und mehrfache deutsche Meisterin im 100 Meter Hürdensprint, Nadine Hildebrand, und der zweifache olympische Silbermedaillengewinner im Turnen Marcel Nguyen ihre Eindrücke aus Athletensicht. Beide plädierten für einen konsequenten Anti-Dopingkampf bis hin zum Ausschluss von dopenden Sportverbänden. Allerdings müsse für jeden Athleten zunächst einmal die Unschuldsvermutung gelten. Das könne man trotz negativer Erfahrungen nicht generell in Frage stellen. Zumal im Wettbewerb müsse man sich auf die eigene Leistung konzentrieren und könne sich nicht mit der Frage befassen, ob der Konkurrent möglicherweise gedopt sei.

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Jens Zimmermann im Gespräch mit Nadine Hildebrand


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